Richtig ist: Die Gründer der Frankfurter Buchmesse knüpften zwar bewusst an die Traditionen der Buchstadt Leipzig an, aber eine selbständige Buchmesse hatte es dort vor dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben.
Beide Städte hatten seit Beginn der Neuzeit als Handels- und Messeplätze im Wettbewerb miteinander gestanden. Frankfurt blickte eher nach Westen. Leipzig nach Osten. Auch als Standort von Buchmessen konkurrierten sie miteinander,
Frankfurt hatte die ältere Tradition: Ersterwähnung als Markt 1074, kaiserliches Messeprivileg von 1240. Buchhandschriften wurden nachweislich schon um 1370 gehandelt. Gutenberg selbst hat nach einem zeitgenössischen Bericht 1455 einzelne Bogen seiner berühmten Bibel in Frankfurt angeboten. Da er seine Darlehen an Johann Fust nicht rechtzeitig zurückzahlen konnte, pfändete dieser im gleichen Jahr seine Druckerei in Mainz.
Zusammen mit Gutenbergs erstem Gehilfen, Peter Schöffer, der sein Schwiegersohn wurde, vollendete er dessen 42zeilige Bibel und bot sie auf der Frankfurter Messe an. 1462 übersiedelten Fust & Schöffer auch der Messe wegen mit ihrem Unternehmen nach Frankfurt und leiteten damit dessen Entwicklung zur wichtigen Stadt des Druckens, Verlegens und Buchhandels ein. Spätestens ab diesem Jahr bildete sich dort eine Drucker- und Verlegermesse heraus.
In Leipzig gab es Messen bereits seit 1268, ab 1475 mit urkundlich belegtem „Bücherverkehr“. Im 18. Jahrhundert gewann Leipzig als Buchmessestadt die Oberhand. Dafür gibt es vielerlei Gründe, teils politische, teils wirtschaftliche. Unter anderem behinderte die „Kaiserliche Bücherkommission“ mit ihrer Zensur die Buchmesse erheblich. Sie verbot sogar die - um die Zensur zu umgehen - 1775 und 1776 ins benachbarte Hanau verlegten Ausweichmessen.
Wirtschaftlich gesehen, fiel die Frankfurter Buchmesse einem Strukturwandel zum Opfer. Traditionell blieb der Verkauf von Büchern auf die jeweiligen Messezeiten beschränkt. Die übrigen Monate ruhten die Druckbogen und später die fertig gebundenen Bücher in Gewölben. Streng wurde darauf geachtet, dass in der messelosen Zeit kein Handel mit Büchern stattfand. Seit aber mehr und mehr gebundene Bücher einzeln und nicht mehr nur als Druckbogen verkauft wurden, konnten sich die Verlegerbuchhändler überall im Reich ihre Neuerscheinungen auch außerhalb von Messezeiten zusenden. Buchhändlerisch gesprochen, ging man in dieser Zeit vom Tauschhandel zur Kommissionslieferung über.
Das in Zensursachen liberalere und in Strukturfragen flexiblere Leipzig entwickelte sich parallel zum Niedergang Frankfurts als zentraler Buchhandelsort in Deutschland. Ab 1586 überflügelte auch die Leipziger Buchproduktion die von Frankfurt. Philipp Erasmus Reich (1717-1787), Teilhaber der Weidmannschen Verlagsbuchhandlung in Leipzig, reiste zur Ostermesse 1764 ein letztes Mal nach Frankfurt, um die dort noch anwesenden Verleger zu überzeugen, dass es sich lohne, nur noch nach Leipzig zu kommen. Er gilt als treibende Kraft beim Ausbau der Leipziger Vormachtstellung.
Die Leipziger Buchmesse – und darin lag ihre Bedeutung - gebar aus sich heraus „eines der ausgefeiltesten und fortschrittlichsten Buchhandelssysteme der Welt“, wie Peter Weidhaas, langjähriger Direktor und auch Chronist der Frankfurter Buchmesse, 2003 im Rückblick konstatierte.
Mit dem Ende des Tauschverkehrs hatte sich in Leipzig der Zwischenbuchhandel etabliert als Bindeglied zwischen den Verlagen und dem sich entwickelnden Bucheinzelhandel überall im Reich. Leipzig mit seiner Abrechnungswoche zwischen Jubilate, dem dritten, und Cantate, dem vierten Sonntag nach Ostern wurde zum Hauptort des deutschen Buchhandels, des Zwischenbuchhandels, des Verlagswesens und der grafischen Industrie. Der 1825 gegründete Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte dort seinen Sitz. Dagegen nahm die Bedeutung der Leipziger Buchmesse ab, bis sie 1848 als selbstständige Veranstaltung erlosch und nach 1860 auch kein Messkatalog mehr erschien.
Der Verleger Klaus G. Saur hat mit spürbarer Verwunderung festgestellt, „dass man von einer eigentlichen Buchmesse in Leipzig schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr sprechen kann“. Seitdem, fügte er an, gab es „immer wieder geradezu verzweifelte Versuche, in Leipzig ...eine echte Buchmesse zu konstituieren“.
Am bekanntesten wurde die „Internationale Weltausstellung für Buchgewerbe und Grafik“ (BUGRA) 1914, in deren Laufzeit allerdings der Beginn des Ersten Weltkriegs fiel. Initiator war der „Verein Deutscher Buchgewerbekünstler“, der die Akzente setzte und auch die grafische Industrie beteiligte. Nachfolgemessen zu Beginn der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts war kein Erfolg beschieden, zumal sich der Börsenverein, wenn überhaupt, nur halbherzig engagierte. Besonders der Sortimentsbuchhandel hatte Bedenken. Der Buchhändler Röder aus Mülheim/Ruhr erklärte: „Mit dem ganzen Messerummel wird nur die Bücherfabrikation gefördert, aber niemals die Ausbreitung der Literatur.“ Dagegen entwickelte sich die Leipziger Mustermesse lebhaft. 1938 wurde Leipzig zur „Reichsmessestadt“ erklärt.
Schon 1946, ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde wieder eine allgemeine Leipziger Messe veranstaltet, an der nach Saurs Angaben auch 37 Verlage teilnahmen. Weidhaas spricht von 28 Verlegern als Teilnehmer an der „Ersten Leipziger Friedens-Buchmesse“ im wieder aufgebauten Zentral-Messepalast. Die Buchmesse blieb von da an Teil der „Internationalen Leipziger Handelsmesse“ im Frühjahr und Herbst eines jeden Jahres. Erst im Laufe der Zeit nahmen immer mehr Verlage aus der Bundesrepublik Deutschland, aus Österreich und der Schweiz teil.
Die Frankfurter Buchmesse entwickelte sich seit ihrer Gründung im Jahr 1949 völlig unabhängig von dem Geschehen in Leipzig. Ihre Hauptinitiatoren waren der aus Halle stammende Frankfurter Buchhändler Alfred Grade, der Teilhaber der Frankfurter Bücherstube Heinrich Cobet und der von ihm als Geschäftsführer der Messe vorgeschlagene Journalist Wilhelm Müller, der sein Amt bis einschließlich der 9. Buchmesse 1957 ausübte. Sein Nachfolger wurde Sigfred Taubert, auf den 1973 Peter Weidhaas folgte. Nicht vergessen sei aber neben den „Vätern“ der Frankfurter Buchmesse Wilhelm Müllers Assistentin Josephine Diehl, ursprünglich Gehilfin in der Gradeschen Buchhandlung, die die Kärrnerarbeit erledigte und bei allen, die die ersten Buchmessen als Aussteller miterlebten, als hilfreicher Engel in allen Organisations- und Improvisationsfragen unvergessen ist.
Literaturangaben:
Klaus G. Saur: Leipzigs Buchmesse von 1946 bis 1989. In Zwahr, Hartmut (Hrsg.): Leipzigs Messen 1497 – 1997. Köln: Böhlau 1999.
Peter Weidhaas: Zur Geschichte der Frankfurter Buchmesse. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003.
<p class="rteright">Quelle: <a href="http://www.buchmarkt.de/content/49253-populaere-branchenirrtuemer.htm" target="_blank">www.buchmarkt.de</a></p>
