Populäre Branchenirrtümer Juni 2010

1950 wurde der erste Friedenspreis vom Börsenverein in Frankfurt verliehen ...

Wer an den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels denkt, denkt an Frankfurt, die Buchmesse und die Paulskirche. Sogar in einer Pressemitteilung des Börsenvereins vom 28.Dezember 2009 hieß es: “In diesem Jahr hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Auszeichnung zum 60. Mal verliehen.“ Tatsächlich war es ein privater Verlegerkreis, der den Preis 1950 zum ersten Mal vergeben hat – in einem Privathaus in Hamburg.

Wie kam es dazu? Die Branche erinnert sich eher ungern an den Initiator, einen nationalkonservativen Autor, der 1931,194, 1936 und 1940 ausgerechnet Arthur Möller van den Brucks „Das Dritte Reich“ neu herausgegeben hat, das 1923 zum ersten Mal erschienen war – „das wichtigste Zeugnis antidemokratischen Denkens in der Weimarer Republik“ (Kindlers Literatur Lexikon, 1.Auflage 1965).

Dieser Autor hieß Hans Schwarz. Er hatte sich, so Stephan Füssel jüngst in der Festschrift Widerreden – 60 Jahre Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (MVB 2009), „in den 40er Jahren … immer stärker einer humanistisch-christlichen, eher apolitischen Haltung“ zugewandt und schon kurz nach dem Krieg Verbindung mit dem in Oslo in der Emigration lebenden deutsch-jüdischen Schriftsteller und Lektor Max Tau aufgenommen. Schwarz und Tau waren seit den Vorbereitungen zum 60.Geburtstag des schlesischen Schriftstellers Hermann Stehr 1924 miteinander bekannt und durch ihre Vorliebe für die damalige Heimat- und Innerlichkeitsliteratur miteinander verbunden.

Dem Briefwechsel zwischen Schwarz und Tau entsprang die Idee eines Friedenspreises, und Schwarz setzte sich unermüdlich dafür ein. Im Frühjahr 1950 hatte er einen Verlegerkreis beisammen, der das Vorhaben mit ihm realisierte. Es waren dies - nach Angaben von Stephan Füssel – Walter Kahnert (F.A. Herbig), Paul von Bergen (Universitas), Wolfgang Krüger, Erna Leonhardt (Deutsche Buchgemeinschaft), Paul E.W. List sowie Heinrich Rennebach und Friedrich Wittig vom Furche-Verlag. Diesen schlossen sich Kurt Desch sowie Reinhard Mohn und Dr. Wolfgang Strauß vom Bertelsmann Verlag an. Friedrich Wittig nannte in einem Aufsatz 1962 noch Otto H. Fleischer, Mairia Honeit, Wanda von Hugo und Theodor Müller-Alfeld von den im Buchhandel bekannteren Namen. „Bei einigen, gerade den literarisch Hervorragendsten, blieb alles Werben vergeblich … Wir ließen die zu Feinen unter sich und setzten unsere Kampagne mit … Erfolg fort“; erinnerte sich Hans Schwarz später.

Der Plan, den Preis in Erinnerung an Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden am 22.April, dem Geburtstag des Philosophen, zu verleihen, ließ sich aus organisatorischen Gründen nicht verwirklichen. Aber am 3.Juni 1950 war es soweit: Die Gründerverleger und 130 Gäste, darunter der Verleger George Hill aus Oxford, Vertreter des norwegischen Konsulats und des Senats der Freien und Hansestadt sowie die „Hamburger Hauptpastorate“ versammelten sich zur Preisvergabe im großen Strohdachhaus des Hamburger Weingroßhändlers Eduard Buhbe, dessen Vetter Otto Buhbe in Schöppenstedt der Vermieter von Hans Schwarz war.

Dr. Adolf Grimme, Intendant des damaligen Nordwestdeutschen Rundfunks und ehemaliger preußischer Kultusminister, hielt die Rede auf den Preisträger Max Tau, der mit bewegten Worten dankte. Auch Tove Tau und Ernst Rowohlt ergriffen das Wort. Die Feier im privaten Rahmen auf der Diele des alten Bauernhauses führte nach Friedrich Wittigs Worten „in nuce ….alles zusammen, was in den folgenden Jahren zur glanzvollen Repräsentation in der Paulskirche gehören sollte.“

Wittig war es auch, der als treibende Kraft dafür sorgte, dass der Friedenspreis von 1951 an vom Börsenverein übernommen wurde und bis heute jeweils zur Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche verliehen wird, die ja als Veranstaltungsort ihre eigene demokratische Tradition hat. Damit wurde ein Ausgleich dafür geschaffen, dass die Frankfurter Buchmesse die Paulskirche verließ und auf das kommerzielle Messegelände übersiedelte. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Das strohgedeckte alte Bauernhaus steht noch am Alsterdorfer Damm 14 in Hamburg. Wohl schon seit Gründungszeiten der Weinhandlung Buhbe (1813) – die nicht mehr existiert – ist es im Besitz der Familie, heute bewohnt von Eduard Buhbes Tochter Ina Schiedel. Ein Hamburger Kollege des Weinhändlers erinnert sich:“ Herr Buhbe selbst war für mich eine beeindruckende Persönlichkeit. Im Kriege hatte er ein Bein verloren, was man allerdings kaum bemerkte … Er verfügte über einen großen Freundeskreis, besonders auf kulturellem Gebiet.“ Die Buchbranche sollte dieses hanseatischen Kaufmanns, der als großzügiger Gastgeber bei der Geburt des heute so renommieren Friedenspreises Pate stand, dankbar gedenken.

Die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels herausgegebene Festschrift Widerreden dokumentiert in sorgfältiger Edition und Ausstattung auf 376 Seiten und mit schönen großformatigen Fotos die eindrucksvolle Geschichte des Preises, auf den die Branche stolz sein kann. Eine Ausstellung, die auf dem Buch beruht, wandert zur Zeit durch dreizehn deutsche Städte. Unverständlich, dass Hamburg, der Gründungsort des Friedenspreises, nicht darunter ist.

Wolfgang Ehrhardt Heinold

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