Populäre Branchenirrtümer Juli 2010

Die jetzige KNV-Gruppe ist eine Stuttgarter Nachkriegsneugründung nach der Vertreibung der Firma aus Leipzig

Im buchhändlerischen Denken sind die Firmennamen Koch, Neff & Volckmar sowie Koch, Neff & Oetinger Verlagsauslieferung fest mit dem Städtenamen Stuttgart verbunden. Dazu der Firmenname Koehler & Volckmar eher mit dem Städtenamen Köln als mit Stuttgart. Andererseits ist noch im Bewußtsein, daß es sich um eine alteingesessene Leipziger Firma handelt, die nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet wurde.

Tatsächlich wurde die KNV-Gruppe nach dem Zweiten Weltkrieg in Leipzig enteignet, die Inhaber flohen nach Westdeutschland. Eine Neugründung in Stuttgart erfolgte aber nicht, denn dort bestand seit 1903 eine Filiale, die 1949 zum Stammhaus wurde.

Die Firmengruppe geht auf eine Leipziger Firmengründung im frühen 19. Jahrhundert zurück. Am 1. Februar 1829 übernahmen Friedrich Volckmar (1799 – 1876) und der Buchhändler F. G. Schaarschmidt das Sortiments- und Kommissionsgeschäfts von C. H. F. Hartmann in Leipzig und führten es unter der Firmia Schaarschmidt & Volckmar fort, die zur Keimzelle des heutigen Unternehmens wurde. Damit ist ein Grundakkord der Firmengeschichte angeschlagen, die eine Geschichte der Übernahmen und Fusionen ist.

Der 2009 verstorbene Jürgen Voerster hat dieses Charakteristikum der Gruppe in einem autobiographischen Text anschaulich beschrieben: „ Aus meiner Schulzeit in Leipzig ist mir ein Bild in Erinnerung geblieben. An der Einfahrt zum Volckmarhaus in der Hospitalstrasse 10 (heute Prager Strasse) waren an den Türpfosten rechts und links die Schilder aller fusionierten Firmen angebracht. Das Volckmarhaus lag gegenüber dem Johannes-Friedhof. So erschienen mir die Firmenschilder an der Firmeneinfahrt immer wie ein Firmenfriedhof, hinter dem manche menschliche Einttäuschung verborgen sein mußte. Es entstand vor diesen Schildern bei mir der Gedanke, ob es im Konkurrenzkampf nicht auch eine andere Firmenpolitik geben könne, nach dem Motto >Leben und leben lassen<.“

Tatsächlich ist die Ära Jürgen Voerster für die Firmengruppe keine Periode ständiger Übernahmen und Fusionen gewesen. Ironie der Geschichte: Es war dennoch eine Zeit stetig wachsender Firmengröße und -bedeutung.

Dem Namen Voerster begegnen wir zum erstenmal 1847. Laut Johann Goldfriedrichs „Geschichte des Deutschen Buchhandels“ von 1913 baut Carl Voerster in diesem Jahr „im Rahmen des Volckmar´schen Kommissionsgeschäftes ein Lager mit gebundenen Büchern auf“. Das war der Anfang des Barsortiments der Gruppe; Carl Voerster ein Neffe von Friedrich Volckmar.

Es ist hier nicht der Ort, eine Liste der Leipziger Fusionen wiederzugeben. Vielmehr beschäftigt uns die Frage, wie Stuttgart als Firmensitz in die Historie der Gruppe kam. Wen wundert es, daß auch das im Rahmen von Übernahmen und Fusionen geschah?

Am 7. Dezember 1903 kaufte Alfred Voerster die Stuttgarter Firma Albert Koch & Co. mit Sitz im Hinterhaus der Calwer Straße 33. Im Jahre 1907 wurde das Kommissionsgeschäft A. Oetinger dazukauft. Die Leipziger Firma K. F. Koehler, Konkurrent des Hauses F. Volckmar, erwarb 1907 ebenfalls in Stuttgart das Paul Neff´sche Kommissionsgeschäft, Barsortiment und Lehrmittelhandlung und firmierte als Neff & Koehler.

Schon 1908 bezogen Koch & Oetinger den als Eisenbeton-Konstruktion neu errichteten Eberhardbau. In das Hinterhaus in der Calwer Straße 33 zog übrigens Umbreit ein.

1917/18 ging der jahrzehntelange Komkurrenzkampf zwischen Volckmar und Koehler zu Ende. Die beiden Häuser fusionierten in Stuttgart zu Koch, Neff & Oetinger und kurz darauf auch in Leipzig zu Koehler und Volckmar, nachdem sie schon 1910 das Kommissionsgeschäft Robert Hoffmann, Leipzig, zu gleichen Teilen erworben hatten.

Die Koehler-Gruppe hielt 40 %, die Volckmar-Voerster-Gruppe 60 % am neuen Konzern. Der Anteil letzterer erhöhte sich kontinuierlich bis 1945 auf 100 %. Allerdings war die Barsortiments- und Auslieferungsgruppe an ihren Standorten Leipzig und Stuttgart von schwersten Kriegsschäden betroffen.

Im Jahre 1950 überführte die damalige Landesregierung Sachsen die Leipziger Gruppe in „Volkseigentum“, die Firmeninhaber wurden enteignet. Aber der Stuttgarter Ebernhardbau wurde zur Keimzelle des Wiederaufbaus in den westlichen Besatzungszonen. Die Eisenbeton-Konstruktion war zwar ausgebrannt, konnte aber wieder als Betriebsgebäude eingerichtet werden.

Das Barsortiment begann 1947 mit 6.000 Titeln, 1948 waren es 12.000 und 1949 schon 18.000. Die Leipziger Firmenbezeichnung Koehler & Volckmar erwies sich im Südwesten Deutschlands als für das Barsortiment nicht durchsetzbar; es blieb bei Koch, Neff & Oetinger. Das Stuttgarter Haus, bisher Filiale, wurde 1949 zum Stammhaus.

Ab 1955 erfolgte der Aufbau von Barsortiment und Fahrdienst (später Büchersammelverkehr) in Köln unter der alten Bezeichnung Koehler & Volckmar, unter der auch das Stuttgarter Exportgeschäft und der Katalogverlag geführt wurden. Ab 1960 begann die Verlagerung aus dem Eberhardbau in der Stuttgarter Innenstadt nach Stuttgart-Vaihingen.

Nach der Wiedervereinigung im Jahre 1989 kehrte die Gruppe nicht an den Stammsitz nach Leipzig zurück. Dort war 1946 die LKG Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsges. mbH als „eine Art kommunistische Nachfolgefirma von Koehler & Volckmar“ (Jürgen Voerster) gegründet worden. Unter dem Gedanken der „Hilfe zur Selbsthilfe“ unterstützte Jürgen Voerster mit seiner Gruppe Privatisierung und Mangement-buy-out des Leipziger Unternehmens. Nach Ausscheiden des Gesellschafters und Geschäftsführers Jürgen Petry, der 2009 in den Ruhestand ging, wurde die LKG von der Koch, Neff und Oetinger Verlagsauslieferung käuflich erworben.

Jürgen Voerster (1926 – 2010) hat kurz vor seinem Tod eine zweibändige „Geschichte der Firmen Koehler & Volckmar/ Koch, Neff & Volckmar/ Koch, Neff & Oetinger Verlagsauslieferung“ abgeschlossen (Stuttgart 2009; ISBN 978-3-87423-001-8), in der er die Historie des Unternehmens lebendig und mit zahlreichen Fotos und Dokumenten darstellt. Der Kauf der LKG fällt für ihn darin unter die Rubrik „Wiedererworbene Betriebe.“ Die KNV-Gruppe ist damit mit einem Teilbetrieb wieder in der Nähe ihres Ursprungsortes ansässig.